Nochmal Carlsen

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Carlsen spoilert den Filminhalt

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Zwei Präsidenten

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In der Mitte der Präsident des Weltschachbunds FIDE, Kirsan Iljumschinow, und rechts seine rechte Hand Herbert Bastian, der Präsident des Deutschen Schachbunds, dessen Rede bisher den meisten Applaus geerntet hat.

Gens una sumus!

Blitzen am Zeittropf

Mir macht dieses 3+2 etwas Sorge. Der Grund dafür ist, dass ich es bisher nicht oft gespielt habe. Ich kann mich nur an zwei Turniere erinnern, die bisher so ausgetragen wurden: die österreichische Blitzmannschaftsmeisterschaft und das Blitzturnier am Rande des ZMDI-Opens im Dresden. Alle offiziellen Meisterschaften in Deutschland und die allermeisten offenen Turniere werden bisher nach dem 5+0-Modus durchgeführt.

Ich lasse mit mir durchaus darüber reden, ob die Inkrement-Lösung nicht insgesamt fairer, vernünftiger, humaner ist, als die alte. Die führt nämlich in einem bestimmten Anteil der Fälle zwangsläufig zu Szenen, wo die schwächere Partei nur noch der Gnade des Gegenübers ausgeliefert ist, wie ein am Boden liegender Gladiator, über dem das Schwert schwebt. Remisreklamation ist nicht und mit nur ein paar Sekunden weniger kann man in so gut wie jeder beliebigen Materialkonstellation über die Zeit gezogen werden.

Die Zeitzugabe soll vor dieser Art von Missbrauch bewahren, hält aber eine andere Tücke bereit: Damit einem auf die Partie gerechnet genau so viel Zeit zur Verfügung steht wie vorher, muss diese mindestens 60 Züge dauern. Vorher hat man für alle Aktionen noch ein paar Sekunden weniger als gewohnt. Man ist gezwungen, im Mittelspiel etwas mehr Gas zu geben.

Letzteres kommt mir persönlich nicht unbedingt entgegen. Als jemand, der vermutlich schon eine fünfstellige Anzahl an „normalen“ Blitzpartien absolviert hat, habe ich meist ein (zu) gutes Feeling, wieviel Zeit mir noch bleibt und schaue nur selten auf die Uhr. Ich bin es gewohnt, auch mal 30-40 Sekunden für einen Zug zu investieren, meine physische Grundschnelligkeit am Ende der Partie erlaubt es mir normalerweise . Doch besonders in Dresden führte diese Strategie immer wieder dazu, dass ich erst aufwachte, als ich noch zehn Sekunden oder weniger hatte. Ab da spritzt dann das Adrenalin durch den Körper (der Grund weswegen wir alle überhaupt süchtig nach Blitzen sind), aber die Partie ist leider oft nicht mehr zu retten. Drei Minuten sind halt doch deutlich weniger als Fünf…

Am Ende sind die Unterschiede vielleicht nicht so groß wie man denken könnte. Man muss es wie alles Neue üben. Ob 3+2 den schwächeren oder stärkeren Spieler begünstigt, ist eine spannende Frage. Ihre Beantwortung hängt von folgender Überlegung ab.

a) Bei 3+2 wird die materiell schwächere Partei eher vor dem Ausdrücken auf Zeit geschützt (Bsp: Philidor-Stellung, Mehrbauer bei ungleichen Läufern…)

b) Bei 3+2 wird bei einer große Zahl technisch gewonnener Stellungen die Gewinnführung enorm erleichtert oder Widerstand total zwecklos (Bsp: Mattsetzen mit Turm, gewonnenes Damenendspiel…)

Wir nehmen an, dass der stärkere Spieler in beiden Fällen sehr oft den Materialvorteil verwaltet. Die Frage ist also, ob die Fälle a) oder b) häufiger auftauchen. Ich weiss es nicht, aber mein Gefühl sagt mir b). Mist! Ich werde in Berlin also oft auf der falschen Seite des Bretts sitzen. Aber das wusste ich auch schon so.

Was meint ihr?

Zahlenspiele

Heute Nachmittag wurde die lang ersehnte Teilnehmerliste veröffentlicht. Was sich da dem Betrachter offenbart, ist schon der schiere Wahnsinn. Mit Ausnahme der US-Amerikaner Hikaru Nakamura, Wesley So und Fabiano Caruana (die in Las Vegas spielen) und sämtlicher Chinesen, die dem Turnier aus mir unbekannten Gründen geschlossen fernbleiben, ist die gesamte Weltspitze vertreten, sonst fehlt von den ersten 30 nur Topalow.

Angeführt wird die Liste vom Titelverteidiger beider Disziplinen Magnus Carlsen, der auch als einziger Spieler mit einer Wertungszahl von über 2900 (Blitzzahl 2914) ins Rennen geht. 10 weitere Spieler (MVL, Aronian, Grischuk…) liegen zumindest über „ZwoAcht“, darunter aber auch ein mir völlig unbekannter ukrainischer Blitzspezialist namens Stanislav Bogdanovich, von dem ich sehr gespannt bin, wie er sich in dieser Gesellschaft schlägt.

Um Position 15 herum bewegt sich der mehrfache Exweltmeister Kramnik, zwischen den Rängen 20 und 25 rangieren schon recht anonym der ehemalige WM-Herausforderer Boris Gelfand, ein Peter Svidler, der zusammen mit Sergey Karjakin  noch vor wenigen Tagen beim Weltcup bei der gesamten Fangemeinde einen Herzkasper nach dem anderen verursacht hat, oder auch der ehemalige Blitzweltmeister Lenier Dominguez.

Irgendwo, viel tiefer kommt um Platz 40 herum mit Georg Meier (2726) der fraglos stärkste deutsche Blitzspieler, der bei der letzten WM in Dubai für viel Furore gesorgt hat und lange in der Spitze mitspielte. Dann kommen Dutzende und Aberdutzende weiterer Großmeister, hin und wieder verstreute Prinzen. Irgendwann auf etwa Platz 150 von 200 (ich war zu frustriert zum Zählen) komme mit 2530 ich. Sollten beim Turnier zufällig noch die ganz neuen Zahlen Verwendung finden – die Liste enthält die stärksten Zahlen jedes Spielers von Januar bis August – so rutsche ich mit meinen aktuellen 2591 Blitz-Elo trotzdem nur ein unerwartet kleines Stückchen hoch, um etwa 20 Plätze auf die 130.

Sprich ein möglicher Inarkiev, Harikrishna oder Vitiugov als Erstrundengegner. Glamourfaktor also durchaus gegeben, aber keine Chance auf einen Auftakt gegen Magnus, MVL oder Anand. Wobei die Chance, auf diese Jungs zu treffen, auch in den folgenden Runden einfach nicht steigen wird, denn auch ein extrem unwahrscheinlicher Dreifach-Lucky Punch in den Runden 1, 2 und 3 wird mich immer wieder an die letzten paar Bretter der entsprechenden Punktgruppe befördern, mich aber von den absoluten Weltstars fernhalten. Etwas ernüchternd ist das schon, aber an der Bar bekomme ich auch nie die schönsten Frauen ab.

Sollte zudem im Rapidturnier ausschließlich die Rapidzahl als Massgabe gelten, so wird mich meine mehr als bescheidene 2493 noch viel, viel tiefer nach unten in der Setzliste reißen, vermutlich so weit, dass ich schon fast wieder einen schlagbaren Gegner erhalte.

Direkt am Meeresboden unter mir ist das Feld sehr stark von deutschen Spielern dominiert, etwa vergleichbar mit dem B-Open in Pardubice, nur stärker. Unsere gesamte Schachfreunde-Berlin-Fraktion mit Rainer Polzin, Lars Thiede und Deserteur nun-Bezirksligaspieler Dennes Abel sind genauso vertreten wie die Konkurrenz aus Tegel: Robert Rabiega, Rene Stern, Michael Richter, Martin Brüdigam. Vielleicht wird sich bei späterem Turnierverlauf da unten das eine oder andere Stadtderby organisieren lassen 🙂

Dazu gesellen sich noch einige ganz exotische Landesmeister oder Vertreter schachlich nicht die erste Geige spielender Nationen wie Luxemburg oder Neuseeland. Die Liste schließt mit einer gewissen Lorena Zepeda aus El Salvador, die mit 2108 notiert ist. Wünschen wir der Dame viel Glück. Sie wird es in diesem Feld leider brauchen, mehr als wir alle!

Vorfreude

Liebe Freunde des königlichen Spiels,

schön, dass ihr euch hierher verirrt habt. Wie der Name der Seite schon verrät, wird das hier während der nächsten Woche mein WM-Tagebuch aus Berlin sein.

Auf welche Weise kommt eine Schnell- und Blitzschach-WM nach Berlin? Ich befürchte leider fast, auf die gleiche, auf die die Seltenen Erden in mein Smartphone gelangen, auf dem ich gerade diesen Text tippe, die Kleidung zu Primark oder das Fleischpatty auf den BigMac, und zwar auf eine ethisch fragwürdige. Aber ich freue mich trotzdem, wie oft darf man schließlich bei einer WM mitmachen?

Das Event startet am morgigen Freitag mit einer Europapremiere des Hollywoodstreifens „Pawn Sacrifice“. Mit rotem Teppich und allem drum und dran. Für die Nichtschachspieler unter Euch (Hallo Mutter! ), es geht um das vielleicht berühmteste Schach-WM-Match der Geschichte zwischen dem nerdig-genialen Bobby Fischer und dem sportlichen, weltgewandten Boris Spassky, gespielt in Reykjavik 1972. Fischer gewann, aber morgen wird leider nur noch Spassky zur Premiere kommen können. Auch wenn der Mann damals die ganze Sowjetunion in eine tiefe Trauer gestürzt hat, aus der sie erst ein Anatoly Jewgenjewitsch Karpow herauszuholen vermochte, ist der Mann bereits jetzt eine lebende Legende und ich bin froh, ihn morgen in Naturam sehen zu dürfen.

Als Nächstes folgt hier der Versuch einer kleinen sportlichen Vorschau, unter anderem die Beantwortung der Frage, ob es wahrscheinlicher sein wird, auf Magnus Carlsen zu treffen, oder ihn zu schlagen.

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Die Spannung steigt!