Day 3: Carnage

Die Reihen auf dem Brett lichten sich, Ghaem Maghamis Uhr tickt herunter, die Spannung steigt. Direkt hinter der Absperrung steht die Frau Mamà, die extra aus Hannover angereist ist, WM ist schließlich nicht jede Woche. In diesen Sekunden entscheidet sich, ob es ein grandioser Tag wird oder ein sinnloser, verlorener, vergeudeter. Ich kann seinen Springer mit dem Turm schlagen, und er wird mir die Hand zur Aufgabe reichen, ich kann mit der gleichen Idee seinen Bauern auf d4 wegnehmen mit meinem Läufer, auch da lebt Weiß nur noch ein paar Züge. 50%, noch vier Runden, alles drin, die nächsten Großmeister kommen.

Stattdessen greife ich auf d4 mit der Dame zu, Damentausch, ich verliere später das anfangs noch leicht bessere Endspiel. Von dieser Niederlage kann ich mich nicht mehr erholen, finde keine Ruhe nach Innen und Außen. Die Pause scheint diesmal ewig lang zu sein, so lang, dass ich alle Varianten und diese dich sinnlos zerfressenden „Hätte-Wenn-und-Aber-“ Geschichten tausend und ein Mal durch meinen Kopf jagen kann. Die Ordnung ist dahin, die Konzentration und das Vertrauen in einen Selbst, darin, dass der Tag trotzdem noch grandios wird.

In der nächsten Partie gegen Renè Stern habe ich die Gedanken noch komplett bei …Lxd4 und gefühlt vom ersten Zug keine Chance. Danach gegen Namig Guliev spiele ich eine gute Eröffnung und Mittelspiel, um danach schnell ohne direkte Fehler wiederum chancenlos zu verlieren. Mom hat genug gesehen und fährt nach Hause, was aber auch an der Zugbindung liegt. Sie verpasst, wie die Fans, die beim Stand von 0:3 in der 89 Minute das Stadion verlassen, noch einen Treffer. Gegen Martin Brüdigam stehe ich zwar total perspektivlos, aber er hat großes Pech, dass die Stellung nach dem Damentausch gefühlt forciert gewonnen für mich ist, und ich muss dafür noch nicht mal groß nachdenken. Selten spielt sich eine Position so dermaßen von alleine. Im Schlussgang bin ich Swiss-Caissa sehr dankbar über die Auslosung gegen Rainer, die den Shortcut dafür liefert, diese Quälerei schnell zu beenden – Remis.

Am Ende bleiben 6 Punkte aus 15 Partien und ein trauriger anonymer Platz ganz in der Nähe des traurigen Setzlistenranges. Und dazu eine traurige (Un)-Gewissheit:

Habs echt noch nicht angeschaut.

Habs echt noch nicht angeschaut.

Morgen geht es endlich mit Blitzen weiter, und der Umstand, dass ich die Vokabel „endlich“ verwende, sagt schon verdammt viel über meinen derzeitigen Frustrationspegel aus. Was aber auch ein Gutes haben kann. Meine morgigrn Gegner um Brett 87 herum sollten sich echt warm anziehen, ehrlich.

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