Day 2: Tschüss, Katzentische…!

Nach dem zweiten Tag der Schnellschach-WM fühlt sich alles schon etwas besser an. 4,5 Punkte aus 10 Partien stehen nun zu Buche, das Elo-Minus ist beinahe ausgeglichen. Spielerisch liegt zwar noch immer vieles im Argen, aber zumindest habe ich die Uhr nun sicherer im Griff und stelle die Partien nicht einzügig weg. Was nicht ganz stimmt, machen wir alles der Reihe nach:

In Runde 6 wurde es das von mir im letzten Beitrag erhoffte leichte Spiel gegen Elvira Berend, die in der Eröffnung 5-6 Minuten für das sehr zweifelhafte …Db6 verbrauchte. Danach könnte ich ihr mit meinem d-Freibauern offensichtlich komplett die Luft zum Atmen abklemmen (die Engine sagt so etwas wie +4) aber ich sah da bereits ein besseres Endspiel, in das ich mit schlafwandlerischer Zielgerichtetheit abwickelte und dann auch gewann.

In Runde 7 kam noch einmal dieser Moment, wo man beginnt, an allem zu zweifeln – an seinen Eröffnungen, an seiner Einstellung, an seinem Hobby und eigentlich auch am Sinn des Lebens. Ich spielte gegen Eric Hansen aus Kanada, der in der Eröffnung an zwei Spots hintereinander nicht den strengsten Zug spielte, ich stand mit Schwarz vielleicht schon für nen Pfennig bequemer. Doch dann packte ich 10…f5?? aus (und ich bin mir sicher, nicht zum ersten Mal in meiner glänzenden Karriere), wonach ich meinen wichtigsten Bauern c5 und meine gesamte Stellung in Schutt und Asche gelegt hatte. Ich wollte sofort aufgeben, beschloss aber, mich selbst durch Weiterspielen noch etwas zu kasteien. Es wurde sogar noch eine ziemlich lange „Partie“, da Hansen sich beim Auffinden der Vene für die Giftinjektion weniger geschickt anstellte als so mancher Henker aus Oklahoma, doch am Urteil änderte das alles nichts mehr.

Ab jetzt wurde es aber wirklich besser. Ich kam gegen Jure Borisek aus Slowenien zwar mit Weiß talentlos aus der Eröffnung und stand einige Zeit später sogar technisch auf Verlust. Aber die bei norddeutschen Schnellturnieren erworbene Zähigkeit zahlte sich aus, ich konnte immer wieder die direkten Drohungen abwehren, den Verlust etwas hinauszögern. Und wurde belohnt, in Form davon, dass ich die Partie nicht nur gerettet habe, sondern am Ende sogar selbst die Gelegenheit erhielt, mit TS vs. T den Sieg zu versuchen, was mein sympathischer Gegner aber tadellos verteidigte. Er war übrigens auch der Einzige Gegner in diesen zwei Tagen, der sich in irgendeiner Weise positiv über mein Spiel geäußert hat 🙂

Auf diese Weise motiviert, gelang es mir in Runde 9 irgendwie, mit Schwarz einen starken Großmeister, Andrey Yuri Vovk aus der Ukraine zu schlagen, der neulich beim Weltcup um ein Haar das chinesische Supertalent Wei Yi eliminiert hätte. Ich hatte ausnahmsweise Plan von der Eröffnung und kam mit Vorteil ins Endspiel, als ich einen Bauern opferte, aber dafür seine Struktur ruinieren konnte. Ich war dann aber zu gierig, meine Investition sofort zurückzuholen (statt auf f3 zu nehmen, zeigt die Engine …g5! an, ein total geiler Zug, den ich in diesem Leben aber wohl nicht mehr finden werde 😦 ), wonach es wieder ausgeglichen war. Als Vovk dann auf f7 nahm, worauf ich ihn mit „Berührt-Geführt“ festnagelte, ging alles ganz schnell und mein a-Bauer lief ungehindert zur Dame.

Nach diesem Break verpasste ich leider in Runde 10 gegen den polnischen Großmeister Gregorz Gajewski einen weiteren. Ich kam zwar miserabel aus der Eröffnung, aber ab einem bestimmten Moment wurde alles besser, man sah sogar an seinem Gesicht, dass er einige Züge von mir übersehen hatte. Nachdem er auf e4 einen fehlerhaften Tausch der Leichtfiguren iniziierte, hätte ich eigentlich Oberwasser bekommen sollen. Doch ich hatte zu viel Sorge vor einem möglichen Grundreihenproblem und stellte unbedacht meinen Mehrbauern nach h4, den ich mir kurze Zeit später abschwatzen ließ. Im Turmendspiel musste ich dann wieder etwas aufpassen, aber : Remis.

Heute geht es zunächst gegen den Iraner Ehsan Ghaem Maghami, der das Kunststück fertiggebracht haben dürfte, in der ersten Runde gegen Carlsen ein Remis geschafft zu haben, und trotzdem unzufrieden mit dem Turnierverlauf zu sein. Ich bin zwar wie in den meisten anderen Partien auch hier der Schwächere, für unmöglich halte ich diese Aufgabe aber nicht. Mal sehen, was heute noch so passiert. Ich darf mich aber nicht blamieren, da mich heute zum ersten Mal seit der niedersächsischen Jugendmeisterschaft 1998 wieder meine Frau Mamà beim Schach besucht 🙂

Mehr Spannung gibt es am anderen Ende der Tabelle, wo die beiden Spitzenreiter aufeinander treffen. Carlsen trifft dabei auf Zhigalko aus Belarus, der zwar ein sehr starker Spieler ist, aber vergleichsweise unerwartet bei 8/10 notiert (zum Vergleich: Anand, Grischuk, Aronian haben schlanke 5,5…). Heute ist noch viel zu spielen, ich tippe aber mal konservativ auf Titelverteidigung Part I.

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Es ist angerichtet (Foto: Giovanni Thornton)

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Ein Kommentar

  1. Capablanka-Fred · Oktober 12, 2015

    …endlich mal eine gute Berichterstattung.
    Weiter so.
    VG
    Capablanka-Fred

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