Blitzen am Zeittropf

Mir macht dieses 3+2 etwas Sorge. Der Grund dafür ist, dass ich es bisher nicht oft gespielt habe. Ich kann mich nur an zwei Turniere erinnern, die bisher so ausgetragen wurden: die österreichische Blitzmannschaftsmeisterschaft und das Blitzturnier am Rande des ZMDI-Opens im Dresden. Alle offiziellen Meisterschaften in Deutschland und die allermeisten offenen Turniere werden bisher nach dem 5+0-Modus durchgeführt.

Ich lasse mit mir durchaus darüber reden, ob die Inkrement-Lösung nicht insgesamt fairer, vernünftiger, humaner ist, als die alte. Die führt nämlich in einem bestimmten Anteil der Fälle zwangsläufig zu Szenen, wo die schwächere Partei nur noch der Gnade des Gegenübers ausgeliefert ist, wie ein am Boden liegender Gladiator, über dem das Schwert schwebt. Remisreklamation ist nicht und mit nur ein paar Sekunden weniger kann man in so gut wie jeder beliebigen Materialkonstellation über die Zeit gezogen werden.

Die Zeitzugabe soll vor dieser Art von Missbrauch bewahren, hält aber eine andere Tücke bereit: Damit einem auf die Partie gerechnet genau so viel Zeit zur Verfügung steht wie vorher, muss diese mindestens 60 Züge dauern. Vorher hat man für alle Aktionen noch ein paar Sekunden weniger als gewohnt. Man ist gezwungen, im Mittelspiel etwas mehr Gas zu geben.

Letzteres kommt mir persönlich nicht unbedingt entgegen. Als jemand, der vermutlich schon eine fünfstellige Anzahl an „normalen“ Blitzpartien absolviert hat, habe ich meist ein (zu) gutes Feeling, wieviel Zeit mir noch bleibt und schaue nur selten auf die Uhr. Ich bin es gewohnt, auch mal 30-40 Sekunden für einen Zug zu investieren, meine physische Grundschnelligkeit am Ende der Partie erlaubt es mir normalerweise . Doch besonders in Dresden führte diese Strategie immer wieder dazu, dass ich erst aufwachte, als ich noch zehn Sekunden oder weniger hatte. Ab da spritzt dann das Adrenalin durch den Körper (der Grund weswegen wir alle überhaupt süchtig nach Blitzen sind), aber die Partie ist leider oft nicht mehr zu retten. Drei Minuten sind halt doch deutlich weniger als Fünf…

Am Ende sind die Unterschiede vielleicht nicht so groß wie man denken könnte. Man muss es wie alles Neue üben. Ob 3+2 den schwächeren oder stärkeren Spieler begünstigt, ist eine spannende Frage. Ihre Beantwortung hängt von folgender Überlegung ab.

a) Bei 3+2 wird die materiell schwächere Partei eher vor dem Ausdrücken auf Zeit geschützt (Bsp: Philidor-Stellung, Mehrbauer bei ungleichen Läufern…)

b) Bei 3+2 wird bei einer große Zahl technisch gewonnener Stellungen die Gewinnführung enorm erleichtert oder Widerstand total zwecklos (Bsp: Mattsetzen mit Turm, gewonnenes Damenendspiel…)

Wir nehmen an, dass der stärkere Spieler in beiden Fällen sehr oft den Materialvorteil verwaltet. Die Frage ist also, ob die Fälle a) oder b) häufiger auftauchen. Ich weiss es nicht, aber mein Gefühl sagt mir b). Mist! Ich werde in Berlin also oft auf der falschen Seite des Bretts sitzen. Aber das wusste ich auch schon so.

Was meint ihr?

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Ein Kommentar

  1. Umumba · Oktober 9, 2015

    Bei Karjakin und co sieht man ja auch oft, dass sie ab einem bestimmten Punkt nur noch auf das Inkrement und 5-10 Reservesekunden spielen. Wenn man dann den richtigen Rhythmus hat und keine Überraschungen mehr kommen, kann das sicher auchh ganz gut funktionieren, aber man muss es wohl erst gewohnt sein. Für uns 5+0er ist aber vermutlich die Nervosität in dieser Phase höher als sie sein müsste. Deine 15-Sekunden-Regel kann hier aber natürlich eine ganz neue Anwendung erfahren…

    Ich würde auch vermuten, dass b öfter vorkommt, a ist vor allem relevant, wenn der stärkere Spieler nicht mit Inkrementblitz vertraut ist, weil man sich dann zu sehr auf die zusätzliche Option Zeit verlässt und die Stellung nicht sauber genug ausspielt (würde mir ständig passieren). In Berlin dürften die Leute, gegen die du Außenseiter bist, aber damit vertraut sein…

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